Wie wir wohnen
Elke Krasny
Ob Los Angeles, Hong Kong oder Wien – wie wir wohnen bestimmt die Gestalt der Stadt, wie wir wohnen manifestiert die vorherrschenden sozialen und kulturellen Verhältnisse. Wohnen ist eine Manifestation des Alltags. Wie wir wohnen prägt langfristig die Handlungen mit dem Raum. Wohnen ist eine Handlung des Alltags. Die "privaten vier Wände" sind keine Privatangelegenheit. Das Innen wie das Außen, das Öffentliche und das Private, so die These des Vortrags, sind nicht klar voneinander abzugrenzen und zu trennen. Vielmehr bestimmen sie einander, queren einander, durchdringen einander. Wohnen ist eine Querung und Durchdringung zwischen öffentlich und privat, innen und außen. Daher kann eine kritische Analyse des Wohnens uns darüber Aufschluss geben, wie die Verhältnisse zwischen innen, außen, privat und öffentlich sich verändern und veränderbar sind. Die Geschichte und die Gegenwart des Wohnens bedarf einer politischen Philosophie, die den Politiken des Raums, der durch das Wohnen atkualisiert und artikuliert wird, nachgeht. Im Gebauten muss das Gedachte reflektiert werden. Wohnen ist eine Form des Denkens.
Wohnen
Anne-Julchen Bernhardt
2013 wird der Prototyp Grundbau und Siedler von BeL zur Internationalen Bauausstellung in Hamburg Wilhelmsburg als äußerst kostengünstiges Wohngebäude eingeweiht werden. Das Prinzip Domino von Le Corbusier aus dem Jahr 1914 hat sich in den wärmeren Klimazonen weltweit als erfolgreiches Bausystem informeller Siedlungen bewährt. Aashwa´i in Kairo, Polykatoikia in Athen, Gececondu in Istanbul und Favela in Sao Paulo belegen die Überlegenheit des Domino-Bauprinzips nicht nur unter ökonomischen Betrachtungen. Als Regal bietet es ideale Voraussetzungen für eine Funktionsmischung, Reserveflächen schaffen eine aneignungsoffene Grundlage für Weiter-, Um- und Ausbau. Die offene Grundstruktur ermöglicht eine flexible Nutzung über einen langen Zeitraum. Grundbau und Siedler überträgt das Prinzip Domino auf den deutschen Energiestandard und bietet in fünf Geschossen zehn gestapelte Parzellen im Eigentum zum Selbstausbau. Die Siedler erwerben einen kompletten Bausatz zur Herstellung eines typischen Siedlerhauses, ein detailliertes Handbuch beschreibt alle Arbeitsschritte. Der Bausatz schafft Freiheit durch Festlegung. Die Grundrisse sind Raumsystem, die Räume nutzungsneutral, sie sind nicht funktionalisiert. Die Belegung der Räume mit Nutzungen wird vom Siedler festgelegt. Flexibilität entsteht durch Benutzung und nicht durch Umbau. Nutzungsoffene Räume innerhalb einer flurlosen Grundrissstruktur verlangen vom Siedler, den eigenen Raum interpretierend selbst zu erobern.
Über abstrakte Typologien, Hyperkontext und Vorstellungsorientierung
Markus Emde
Vor dem Hintergrund einer immer abstruser und oberflächlicher werdenden Vorstellungsorientierung im Hinblick auf ein Leben und Wohnen in der Stadt in seinem sensiblen sozioökonomischem Gefüge beschäftigt sich der Beitrag mit der Suche nach neuen architektonischen Ungangsweisen um den zukünftigen Umstrukturierungsprozessen und Nutzungsverschiebungen gerecht zu werden. Am Beispiel eines realisierten Projektes in Berlin Mitte wird eine Entwurfstrategie aufgezeigt, die aus derartigen inhaltlichen Überlegungen und hyperkontextuellen Parametern ein räumlich zoniertes aber niederdeterminiertes also aneignungsoffen Gebäude entwickelt. Diese konzeptionelle Herangehensweise wird am Beispiel verschiedener Projekte als strukturelle Entwicklung typologischer Ansätze weitergeführt. So lassen sich aus der grundsätzlichen Fragestellung zu den unterschiedlichen Bedingungen und zur Qualität einer Kombination von Wohnen und Arbeiten und Begrifflichkeiten wie nutzungsneutral und anpassungsfähig neue, abstrakte Typologien entwickeln.
Holz im mehrgeschoßigen Wohnbau
Hubert Rieß
Die Chancen des Holzbaus im urbanen Kontext, demonstriert an etwa einem
halben dutzend Projekte neben den allgemeinen ökologischen Aspekten, die der nachwachsende Rohstoff bietet, im Speziellen eingehend auf die Vertiefung der Wertschöpfungskette der holzverarbeitenden Unternehmungen durch Intensivierung der Vorfertigung im Hinblick auf die Verkürzung der Bauzeiten, der Minimierung des Verkehrsaufkommens im Zuge der Errichtung, der Forcierung der Baulogistik und der Minimierung von Lärm- und Staubbelästigungen der Nachbarschaften. Beispiele des Holzbaus in innerstädtischen Nachverdichtungszonen durch Aufstockung und Dachbodenausbau – hier speziell im Hinblick auf Erdbebenbelastungen, Gewichtsreduktion, trockene Bauweise und Bauzeitverkürzung; in peripheren, suburbanen Zonen durch den Einsatz von Modulbauweisen.
Bauen für die 2000-Watt-Gesellschaft. Erfahrungen aus Zürich
Annick Lalive d'Epinay
Im weltweiten Durchschnitt verbraucht jeder Mensch ca. 2000 Watt Primärenergie und jährlich 1 Tonne Treibhausgase. In Europa sind es 6500 Watt, in andern Ländern mehr, in Entwicklungsländern viel weniger. Die 2000-Watt-Gesellschaft definiert den weltweiten Durchschnitt als nachhaltig und ermöglicht so global eine gerechte Entwicklung mit einem für die Schweiz und Europa deutlich tieferen Pro-Kopf-Verbrauch, bei gleichzeitig begrenztem Treibhausgasausstoss. Im Jahre 2008 wurde in der Stadt Zürich die Vision der 2000-Watt-Gesellschaft als Entwicklungsziel per Volksdekret in der Verfassung verankert. Dies verpflichtet die Stadt zu ressourcenschonendem Handeln. Im Gebäudebereich liegt ein grosses Einsparpotenzial und die städtischen Gebäude müssen als gutes Vorbild konsequent auf Energie- und Ressourceneffizienz ausgerichtet werden. Instrumente wie das SIA Merkblatt 2040, Effizienzpfad Energie, definieren die Methodik für das Bauen für die 2000-Watt-Gesellschaft. Erfahrungen und Erkenntnisse aus der Anwendung des Effizienzpfades und anderer Gebäudelabel werden für Neubauten und Instandsetzungen anhand von Beispielen aufgezeigt. Aufgrund der umfassenden energetischen Sicht, in der die Betriebsenergie, die Erstellung und die Mobilität betrachtet werden, eröffnet sich für das Bauen ein grosser Spielraum. Dies wiederum erschwert das Formulieren allgemeingültiger Regeln. Eine projektspezifische Betrachtung ist unausweichlich.
Red Vienna Grey Society
Heidi Pretterhofer, Dieter Spath
Das Altern der Gesellschaft ist möglicherweise die größte demografische Herausforderung, mit der westliche Gesellschaften zukünftig konfrontiert sind. Die Gruppe der Alten ist sehr heterogen, die Skala reicht von hyperaktiven Marathonpensionisten über zwei Generationen von Parallelpensionisten bis hin zu der immer größer werdenden Gruppe von Altersdementen. Die hohe Lebenserwartung und verschiedene Langzeiterkrankungen führen zu neuen Daseins- und Wahrnehmungsformen. Wie können Architekturen und das dazugehörige städtischen Umfeld darauf reagieren? Red Vienna Grey Society zeigt am Beispiel Wien, wie Wohnen mit Pflege heute als öffentlich städtische Angelegenheit organisiert wird. Es gibt eine Bandbreite an Wohntypologien, die für das Wohnen im Alter gefördert werden. Es kommt zu unterschiedlicher Spezialisierung und Hybridisierung von Gebäuden für Bewohner und Gruppen im Alter, die von betreubarem Wohnen in den eigenen vier Wänden bis zu neuen Spitälern mit Hotelqualität reichen. Die Handicaps des Körpers werden durch externe Ersatzmittel kompensiert, beispielsweise wird die technische Innovation einer "Niederflurloggia" zum Substitut für das Stufensteigen: Slow Motion trifft auf Full Service. Entgegen den modernistischen Konzepten der Krankenhäuser im Grünen an den Stadträndern, die heute lukrativeren Immobilienprojekten weichen, wurden die Pflegewohnhäuser strategisch in die Bezirke integriert, womit die Bewohner in ihrem urbanen und sozialem Umfeld bleiben können. Neben diesen interessanten architektonischen Hybriden gilt die generelle Strategie der Kommune der mobilen Pflege in den eigenen vier Wänden. Wohnbau heute kann typologisch wie programmatisch vielfach reduzierte Formen der Pflege mit aufnehmen.
Diskussionsrunde Manifeste im Wiener Wohnbau
Annick Lalive d'Epinay/Zürich, Andrea Holzmann / WBV-GPA,
Susanne Reppé / Gewog, Helmut Wimmer / Architekt
Die Diskussionsrunde zum Thema "Manifeste im Wohnbau" stellt sich der Frage, welche Bedeutung programmatische Projekte für den großmaßstäblichen Wohnbaualltag in einer Stadt wie Wien haben, in der Wohnbau traditionell höchste Bedeutung besitzt. Es geht um Manifeste im Wohnbau im Sinne von experimentellen Neuerungen, quasi Pilotprojekte: Sind die sinnvoll? Welche sind sinnvoll? Mit welchen Zielen? Wie ist der Zusammenhang zwischen den Manifesten und dem "Normalbetrieb"? Wäre nicht einmal ein Manifest der Reduktion sinnvoll? Warum sind Pilotprojekte und Experimente so schwierig? Wie hängen Manifeste und Rahmenbedingungen des Marktes und der Finanzierung zusammen?
Glotzt nicht so romantisch! (Vortrag auf Englisch)
Dubravka Sekulić
March 11th 2010 was a deadline to register an object to be legalised. By this date 100,000 structures were registered for legalisation in Belgrade alone. This deadline was the third of its kind in the last 10 years, so the real number of objects waiting to be legalised in Belgrade is around 270,000, meaning that roughly 500,000 out of 1.7 million inhabitants live or work in some type of "wild" building, as a vast majority of these objects are either new housing or some addition to existing living space. The origin of the word "wild" here doesn't come from the aesthetics of these buildings, but because of the relation to the regulations. Although most of the objects waiting to be legalised were created after the break up of Yugoslavia, the process of "wild building" was not a new strategy, it was common practice even in the time of Yugoslavia. What is understood as the "wild building", at least in the beginning of this process, is often self-built houses situated usually on (former) agricultural land in the outskirts of towns. The practice appeared as a reaction of inability of Yugoslav housing policy – heralded by the motto "right to housing" – to produce enough housing to cater the needs of the fastly urbanising country. It also appeared as a reaction to the inflexibility of the housing system to regulate and facilitate the production of individual houses. So, when the official housing system collapsed with the fall of Yugoslavia in 1991 – the "other, wild" strategy became not only a dominant, but the only one for a while. In the paper "Glotzt nicht so romantisch!" I will examine the relations between the "wild" production of housing after the 1990s in Serbia and laws and regulations that were made to prevent or manage that. I will also explain the origin of the self-build practice, but more importantly I will try to elaborate how this informal practices got co-opted by the housing developers and what the impact of them using "wild" strategies to navigate the laws could be for a society.
Programmatic Alchemy
Kai-Uwe Bergmann
The traditional image of the radical architect is the angry young man rebelling against the establishment. The avant-garde is defined more from what it is against than what it is for. This leads to an oedipal succession of contradictions where each generation says the opposite of the previous. If your agenda is dependant on being the opposite – you are simply a follower in reverse. Rather than being radical by saying fuck the context, – the establishment or – the budget, we want to turn pleasing into a radical agenda. The Danish welfare state is the culture of consensus. The socially most egalitarian country in the world, it is ruled by the good principles that everybody has the same rights, every point of view the same value. Through the last 50 years that has led towards a gray goo of sameness, where all attempts to stick out have been beaten down to the same non-offensive generic box, and all libido invested in perfecting the ever finer details. The sum of all the little concerns seems to have blocked the view of the big picture. What if trying to make everybody happy did not have to lead to compromise? It could be a way to find the ever elusive summersault that twists and turns in order to fulfil every desire and avoid stepping on anyone's toes. Rather than revolution we are more interested in evolution. Like Darwin describes creation as a process of excess and selection, we propose to let the forces of society, the multiple interests of everyone, decide which of our ideas can live. Surviving ideas evolve through mutation and crossbreeding into an entirely new species of architecture. An inclusive rather than exclusive architecture. An architecture unburdened by the conceptual monogamy of commitment to a single idea. An architecture where you don't have to choose between public or private, dense or open, urban or suburban, affordable flats or football fields… An architectural form of bigamy. A pragmatic utopian architecture that takes on the creation of socially, economically and environmentally perfect places as a practical objective.



