Die Manifeste von Dadaismus, Futurismus und Strukturalismus, Hundertwassers Verschimmelungsmanifest oder das Zockmanifest von Otto Mühl: Manifeste sind unabdingbar verfasst, bedienen sich eines kraftvollen Pathos und verkünden das radikal Neue. In Bezug auf Wohnen wurden Manifeste immer dann formuliert, wenn bestehende Konzepte als unzulänglich wahrgenommen wurden, eine politische Situation Entgegnungen verlangte oder wenn Technikvisionen ein radikales Umdenken erlaubten. Forderungen nach mehr Rationalismus, nach Vorfertigung oder nach Hygiene, Pamphlete für oder gegen den Funktionalismus oder das Recht auf Wohnraum wurden deklariert, fanden entsprechende Umsetzungen oder auch nicht, bestimmten jedoch in jedem Fall das Weiterdenken über das Wohnen.
Proklamationen für ein neues Wohnen wie etwa jene der CIAM sind längst Geschichte – und dennoch zeichnet sich auch heute ein Umbruch ab, der die Architektur nicht unberührt lassen wird. Ökonomische, ökologische und soziale Veränderungen schreien geradezu nach Grundsatzerklärungen und Prototypen für ein neues Wohnen. Die Form des Manifests und das Feld der Architektur sind, darüber hinausgehend, innig verknüpft: Für ArchitektInnen ist fast jedes Gebäude auch Programm, das Generelle, ja Universelle zählt mindestens so viel wie das Spezifische. Aber was sind jene architektonischen Manifeste, die soziale Bedeutung besitzen, die neue Möglichkeitsräume für das Bauen und damit für die Gesellschaft eröffnen?
Die zweite Saint-Gobain Wohnbaubiennale 2011 stellt die Frage nach aktuellen Manifesten des Wohnens, also nach jenen gedachten und gebauten Projekten, Konzepten und Theorien, die das Wohnen neu formulieren, seien es räumliche oder programmatische Manifeste, Material- und Konstruktionsexperimente oder ungewohnte Nutzungs-, Rechts- oder Aneignungsformen. ArchitektInnen und TheoretikerInnen zeigen Projekte, deklarieren Grundsätze und diskutieren über mögliche Programme eines zukünftigen Wohnens zwischen Belgrad, Wien und Kopenhagen, die bereits jetzt manifest werden.



